Die Ratingagentur Standard & Poor's sorgt im Vorfeld des am Donnerstag und Freitag in Brüssel steigenden EU-Gipfels für Wirbel: Sie droht damit, die Bonität europäischer Topstaaten herabzustufen. Während die Eurozone nun gehörig unter Druck steht, wird die Macht von Ratingagenturen kritisiert.
Ratingagenturen haben seltsame Marotten: Sie drohen in unpassenden Momenten mit Herabstufungen und sorgen immer dann für Unruhe, wenn es eigentlich besser wäre, einen kühlen Kopf zu bewahren.
Das war im April 2010 so, als europäische Finanzinstitutionen gerade ein tragfähiges Modell zur Stabilisierung von Griechenland und Portugal ausgearbeitet hatten, aber die Verminderung der Kreditwürdigkeit Spaniens alles über den Haufen warf.
Ähnliches geschah auch im Juni dieses Jahres. Die Troika aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Union und Europäischer Zentralbank stand vor der Bewilligung einer zwölf Milliarden Euro schweren Tranche für Griechenland, als die Ratingriesen Moodys, Fitch und Standard & Poor's nacheinander das Pleiteland runterstuften.
Video: US-Ratingagentur droht Deutschland
Und jetzt das: Kurz vor dem Gipfeltreffen der europäischen Staats- und Regierungschefs in Brüssel diese Woche, auf dem Meilensteine zur Bewältigung der Schuldenkrise gesetzt werden könnten, droht Standard & Poor's den Zugpferden der EU mit der Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit. Eine Drohung, die, wenn sie wahr würde, drastische Folgen hätte.
Merkel und Sarkozy reagieren gelassen
Standard & Poor's kündigte am Montag nach Börsenschluss in New York an, die Bonität von 15 Eurostaaten auf den Prüfstand zu stellen. Unter den genannten Ländern sind auch die restlichen in der Eurozone noch mit der Bestnote "AAA" bewerteten Deutschland, Finnland, Niederlande, Österreich, Luxemburg und Frankreich. Für die Franzosen kündigte die Agentur ein eine Herabstufung nicht nur um eine Note an, sondern gleich um zwei. Ausgenommen vom neuerlichen Prüfverfahren ist Griechenland, das aktuell im globalen Vergleich die schlechteste Bonität der Welt besitzt.
In Anbetracht dieses Paukenschlags fielen die Reaktionen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy gelassen aus. Man habe die Ankündigung zur Überprüfung von Kreditwürdigkeiten durch Standard & Poor's "zur Kenntnis" genommen, hieß es. Die beiden Regierungschefs seien davon überzeugt, dass die gemeinsamen Vorschläge trotzdem "die haushalts- und wirtschaftspolitische Koordinierung der Eurozone stärken und so Stabilität, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum fördern" würden.
Video: Merkels Reaktion
Was passiert mit dem EFSF im Falle von Herabstufungen?
Doch ganz so einfach dürfte das Problem nicht wegzuwischen sein. Würden die europäischen Triple-A-Länder tatsächlich herabgestuft, hätte das schwerwiegende Folgen. Die einst starken Staaten, die dank ihrer hohen Kreditwürdigkeiten am Anleihenmarkt schnell und zu günstigen Zinskonditionen an frisches Geld kamen, würden plötzlich selbst finanzielle Engpässe hinnehmen müssen. Die Mittel für die geplanten Rettungspakete würden ausbleiben und die Solidargemeinschaft Eurozone stünde vor einer Zerreißprobe.
Auch der Rettungsfonds EFSF wäre vermutlich betroffen. Das Herabstufen der Staaten, die in den Topf einzahlen beziehungsweise aus dem Fonds Geld leihen, könnten den EFSF mitreißen. Ein Umstand, der die Kraft des mühevoll aufgebauten europäischen Rettungssystems schrumpfen ließe.
Kritik an der Macht der Ratingagenturen
Die Hörigkeit der Finanzmärkte gegenüber den drei amerikanischen Agenturen Moodys, Fitch und Standard & Poor's ist europäischen Finanzexperten schon lange ein Dorn im Auge. Der Vorwurf: Die Agenturen verfolgen die Interessen ihres Wirtschaftsraums Nordamerika. Immer häufiger werden deshalb Forderungen nach einer großen europäischen Agentur laut.
Hans Michelbach, Vorsitzender der CSU-Mittelstandsunion, beschreibt die Handhabe von Standard & Poor's als Willkür. Der Frankfurter Rundschau sagte Michelbach, das Ziel angekündigter Herabstufungen sei "es ganz offenbar, Vorfeld des EU-Gipfels noch mehr Nervosität zu erzeugen".
Inwiefern beim aktuellen Vorgehen des Ratingriesen Kalkül eine Rolle spielt, ist Spekulation. Den Vorwurf, die angekündigten Bewertungen könnten interessengefärbt sein, muss sich Standard & Poor's aber gefallen lassen. Das verrät ein Blick nach Amerika. Die Herabstufung der vor einem riesigen Schuldenberg stehenden USA im August hat dem US-Anleihengeschäft paradoxerweise keine sonderlich großen Verluste beschert. Der Grund: Weil Anleger wegen ständiger Ratingkorrekturen noch weniger Vertrauen in den Euroraum hatten, legten sie ihr Geld vorzüglich doch in amerikanischen Anleihen an. Gingen Europa nun seine Triple-A-Länder flöten, würde das den US-Anleihenmarkt weiter beflügeln - und nebenbei zur Lösung des amerikanischen Schuldenproblems beitragen. (fs)